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Herbsttagung 2015

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Herbsttagung 2015

Am 10. Oktober konnte der Vorsitzende des Zahnärztlichen Vereins zu Frankfurt am Main von 1863 e.V. , Prof. Dr. mult. Robert Sader,  und der Vorsitzende der Landeszahnärztekammer Hessen,  Dr. Michael Frank, in den Räumen der Kammer  wieder zahlreiche Gäste begrüßen. Der Andrang war erneut so groß, dass die Veranstaltung per Video in andere Räume übertragen werden musste.

Herr Dr. Frank dankte in seiner Begrüßung den Kollegen für die Behandlung der in den letzten Monaten in Hessen angekommenen Flüchtlinge, verbunden mit der Bitte, diese Schmerzfälle auch weiterhin möglichst unbürokratisch in den Ablauf der Praxis zu integrieren. Die anderen aktuellen „Schlachtfelder“ der Kammer riss er nur kurz an: Das EUGH-Facebook-Urteil zum Datenschutz, das sicher Auswirkungen auf die eGK haben wird, das Antikorruptionsgesetz, das schon zur Bildung einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft

                                                                                     
Dr. Michael Frank  

 

in Frankfurt geführt hat und die Bestrebungen des Gesetzgebers in der Qualitätssicherung eine Art  „pay for performance“ einzuführen.

Herr Prof. Sader wies in seiner Eröffnung auf mehrere Jubiläen hin, die dieses Jahr „gefeiert“ werden können. Herr Prof. Dr. Georg-Hubertus Nentwig, der mit seiner Abteilung den diesjährigen Fortbildungsteil der Herbsttagung bestreitet, ist in seinem 25. Jahr im Carolinum. Es ist das 15 Jahr, in dem in der Herbsttagung  die Reihe „Eine Abteilung stellt sich vor“ das Thema vorgibt und der 40. Friedrich-Kreter-Promotionspreis werde heute verliehen.

So ging es zum nächsten Programmpunkt der Veranstaltung, der Verleihung des Friedrich-Kreter-Promotionspreises. Prof. Dr. Sader führte aus, dass er in die Entscheidung der Jury, die aus den anonymisiert eingereichten Arbeiten eine zu prämieren hatte, nicht einbezogen war. Er selber war deshalb überrascht, als er erfuhr, dass der diesjährigen Preisträger aus der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Frankfurt kommt.

  Dr. Lorenz   Prof. Sader

Herr Dr. Jonas Lorenz konnte aus den Händen des Vorsitzenden die Urkunde, den Scheck über 1500 €, die Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Vereins und den traditionellen Bembel mit einer Flasche Apfelwein entgegennehmen.

In seiner prämierten Dissertationsschrift mit dem Titel „Histologische, histomorphometrische und klinische Vergleichsanalyse eines xenogenen Knochenersatzmaterial bei ehemaligen Tumorpatienten“ untersuchte  Dr. Lorenz Materialien zur Sinusbodenaugmentation vor Implantation bei Tumorpatienten. Der „Goldstandard“, das Auffüllen des Hohlraums nach Anheben der Schneider´schen Membran mit autologem Knochen, fordert einen zweiten OP-Situs an der Entnahmestelle und die damit verbunden Belastung der ohnehin schon durch ihre Tumorerkrankung belasteten Patienten. Deswegen sind Knochenersatzmaterialien bei diesen Patienten von besonderer Bedeutung.

Der Preisträger untersuchte zwei Knochenersatzmaterialien(KNE) bei einem Patientengut, das vorher ein Plattenepithelcarcinom hatte. Im split-mouth-design wurden die Patienten auf der einen Seite mit dem synthetischen Material Nanobone ©und auf der anderen Seite mit dem xenogenen  Bio-Oss© augmentiert. Nach einem halben Jahr wurden bei der Implantation Biopsien entnommen, die histologisch und histomorphometrisch untersucht wurden. Nach zwei Jahren erfolgte nochmal eine klinische Nachuntersuchung.

In der Gruppe mit dem synthetischen KEM befand sich zum Zeitpunkt der Biopsie weniger des eingebrachten Materials, mehr mehrkernige Riesenzellen aber auch weniger Vaskularisation. Beide Gruppen zeigten gute Geweberegeneration, aber eine schlechtere Knochenneubildung in der Gruppe des synthetischen Materials. Die gefundenen histologischen Unterschiede machten sich aber klinisch nicht bemerkbar.

Herr Dr. Lorenz schloss seinen Vortrag mit der Aussage, dass die Ergebnisse auch auf Nicht-Tumor-Patienten übertragbar sind und dass ein Sinuslift mit KEM bei Tumorpatienten möglich ist und durch die dann mögliche Prothetik zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt.

Herr Prof. Nentwig führte dann in den weiteren Teil der Veranstaltung ein, in der er seine Abteilung vorstellte, die Poliklinik für zahnärztliche Chirurgie und Implantologie im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Frankfurt.

In seinem Vortrag geleitete er das Publikum durch 25 Jahre orale Implantate.  Anfang der 90er Jahre unterschieden sich die Implantate der verschiedenen Hersteller noch stark in Design und Oberfläche. Heute gibt es fast nur noch Schrauben mit konischem Gewindegrund, allenfalls im Halsbereich weisen sie noch nennenswerte Unterschiede auf, wie er anhand von Bildern eindrucksvoll belegen konnte.

Prof. Dr. Nentwig  

Damit hat sich ein Design durchgesetzt, dass 1985 als NM-Implantat von ihm miterfunden wurde.

Heute kann seine Abteilung mit einer 20-Jahres-Studie die Erfolgssicherheit der Therapie mit Implantaten belegen. In dieser Zeit wurden 4206 Patienten mit 12.737 Implantaten versorgt. Die Überlebensrate beträgt 93,3 %. Prof. Nentwig zog eine Bilanz der letzten 20 Jahre und fragte: „Was haben wir gelernt?“

Wir wissen jetzt, dass die Knochenheilung in Phasen verläuft. Als erstes die stationäre Phase mit sechs Wochen, dann die dynamische Phase mit weiteren sechs Wochen und schließlich die steady state Phase. Drei Viertel der Implantate, die verloren gehen, tun dies vor der prothetischen Versorgung. Das heißt, so der Referent, der Fehler ist bei der Operation passiert oder die dynamische Phase wurde zu kurz gewählt. Wenn allerdings beim Eindrehen des Implantats 35 Ncm Drehmoment nötig sind, hat man eine sehr gute Primärstabilität und kann die statische Phase überspringen und gleich mit der dynamischen Phase der Belastung beginnen.

Man weiß heute mehr über den Einfluss der Mikrobewegungen auf die Implantat-Abutmentverbindung  und hat die Erfahrung gemacht, dass subcrestal platzierte Implantate sicher zum Ausbilden von papillären Strukturen führen. Der Schlüssel für den Langzeiterfolg der Implantate liegt in der Stabilität der Gewebe, so schloss Prof. Nentwig seinen überaus interessanten Vortrag.

Den Stab übernahm Oberarzt Dr. Puria Parvini, der in seinem Vortrag über das Frontzahntrauma aus dem zahnärztlichen Notdienst des Carolinums berichtete. Dort wurden von 2012 bis 2014 über 1000 Frontzahntraumata versorgt. Der Zeitpunkt und die Qualität der Erstversorgung sind entscheidend für die Prognose des verunfallten Zahn, so Dr. Parvini, der im Moment drei Doktorarbeiten zu diesem Thema in Frankfurt betreut. Er stellte dem Auditorium die 4. Generation des Frontzahntraumabogens der Abteilung vor. Die Dokumentation erstreckt sich nicht nur über die Verletzung und ihre Behandlung, sondern auch über den Zeitraum,
  Dr. Parvini

den der Zahn außerhalb des Mundes verbracht hat, seine Lagerung in dieser Zeit und die extraoralen Verletzungen.

Nach einem Exkurs über die Altersverteilung der Patienten, die statistische Häufung für die einzelnen Sportarten und die Art der Verletzung kam Dr. Parvini zu einer Therapieform, die ihm besonders am Herzen liegt. Anhand des Beispiels einer Wurzelfraktur im mittleren Drittel eines oberen mittleren Inzisiven stellte er die Transplantation des oberen Milcheckzahns in die Alveole des extrahierten Schneidezahns in beeindruckenden Bildern vor. Nach der prothetischen Versorgung mit einer Krone ist der Zahn, der im Alter von 9 Jahren transplantiert wurde, mit 16 Jahren immer noch im Mund. 

Danach führte Fr. Dr Oksana Petrucin  das Publikum mit vielen hervorragenden Bildern durch die Welt der Mundschleimhautveränderungen und stellte das Frankfurter Konzept zur Diagnose vor. Dies geht über einem speziellen Anamnesebogen mit fotografischer Dokumentation zur Diagnosefindung mit Hilfe der Zytologie oder Biopsie. Eine Zytologie mittels Bürste findet in der Abteilung immer dann statt, wenn das klinische Bild eine primär nicht maligne Erkrankung vermuten lässt und keine subepitheliale Veränderung vorliegt. Andernfalls erfolgt die Diagnosesicherung mit Hilfe einer Biopsie. Entsprechend der Diagnose wird dann das individuelle Recall festgelegt, das von drei Monaten bis hin zu einem Jahr reichen kann.
Dr. Petrucin  

Danach stellte Frau Petrucin die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachrichtungen von der HNO, über die Dermatologie, den Hausärzten und der MKG vor. Neu hinzugekommen ist die Hämatoonkologie für Patienten unter Immunsuppression. Wichtig, so die Referentin, sei die Zusammenarbeit mit einer Apotheke, da viele Medikamente von der Galenik her nicht für die Anwendung auf der Mundschleimhaut geeignet seien. Prof. Nentwig schloss den Vortrag seiner Mitarbeiterin mit der Empfehlung an die Anwesenden, genau hinzuschauen. Denn die Zahnärzte seien die einzigen, die den Patienten von seinem Lippenrot bis zu den Gaumenbögen zu Gesicht bekämen.

Last but not least begannen Oberarzt Dr. Tobias Locher und Frau Karina Obreja ihren Vortrag über die Ausbildung der Studenten in der Abteilung für Oralchirurgie und Implantologie mit einem kleinen Test. Per Handzeichen gaben sich die Kollegen zu erkennen, die in Frankfurt studiert hatten.

Fr. Karina Obreja Dr. Locher  

 

Es waren zwei Drittel des Auditoriums. Die Referenten berichteten über die studentischen Tutoren, die seit 2010 gegen Entlohnung in der Lehre aktiv sind. Sie erstellen Lehrmedien wie PowerPoint-Präsentationen,  Lehrposter, Lehrvideos, bereiten die OP-Vorstellungen vor und die Präparate für die Hands-on Übungen.

Dann wurde die klinische Ausbildung der Studenten dem Publikum vorgestellt, vom 6. Semester in dem der erste Kontakt mit dem Fach durch den „Injektionskurs“ stattfindet, über das 8. Semester, in dem die Studenten am zahnärztlichen Notdienst teilnehmen, bis hin zum 10 Semester, in dem die Studenten mit der Unterstützung der DGOI an einem Implantat-Workshop  teilnehmen. Beide Vortragende endeten mit einem ausdrücklichen Dank an die studentischen Tutoren.

In seinem Schlusswort dankte Prof. Sader  noch einmal allen Vortragenden und hob hervor, dass er in seiner Eigenschaft als Studiendekan von der hohen Akzeptanz des Faches und der Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie und Implantologie durch die Studenten berichten kann. Auch Dr. Frank merkte an, dass wenn Studenten sich mit Problemen an die Kammer wendeten, dies in den seltensten Fällen die zahnärztliche Chirurgie beträfe.

Die Veranstaltung klang dann wie gewohnt am Buffet mit hessischen Spezialitäten aus und bot den Teilnehmern noch länger die Möglichkeit zum kollegialen Erfahrungsaustausch.

 

 

Zuletzt geändert am: 16.11.2016 um 15:28

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