
Die gemeinsame Herbsttagung der Landeszahnärztekammer Hessen mit dem Zahnärztlichen Verein zu Frankfurt am Main von 1863 e.V. feierte diesjährig ein rundes Jubiläum. Bereits zum fünfzigsten Mal begehen Kammer und Verein eine Fortbildungsveranstaltung, die ihresgleichen sucht.
Die für die damalige Zeit im Jahre 1975 vielleicht revolutionäre Idee, wurde entwickelt und getragen von Prof. Dr. Friedrich Kreter, damals Präsident des Zahnärztlichen Vereins. Die eigentliche Idee entstand, um ein überregionales – ja, vielleicht nationales Fortbildungskonzept zu entwickeln und getreu dem Grundsatz des Zahnärztlichen Vereins „Traditionsbewusst, Gegenwartsnah, Zukunftsoffen“ den Berufsstand weiter nach vorne zu bringen und den Austausch unter der Kollegenschaft zu fördern und zu erweitern. Denn das war auch einer der Grundgedanken des Zahnärztlichen Vereins in den 60er Jahren des vorletzten Jahrhunderts. Eine Idee, die so stark und nachhaltig gewachsen ist, dass sie den Verein über die Jahrzehnte und über fast zwei Jahrhunderte lang schon trägt, die heute aktueller ist, denn je.
Eine Idee, die so stark und nachhaltig gewachsen ist, dass sie den Verein über die Jahrzehnte und über fast zwei Jahrhunderte lang schon trägt, die heute aktueller ist, denn je.

Prof. Dr. mult. Sader begrüßte nachdrücklich die langjährige, hervorragende Zusammenarbeit der Landeszahnärztekammer Hessen mit unserem Verein.
Er übergab das Grußwort an Dr. Susanne Jäger vom Präsidium der LZKH, die die Wichtigkeit der Fortbildung hervorhob und über die allgemeinen Befindlichkeiten des politischen Tagesgeschäfts berichtete.
Was mit Karl Lauterbach als Gesundheitsminister nicht gelang, konnte sogleich mit Nina Warken nachgeholt werden. Es finden wieder Gespräche statt und um nur ein Stichwort zu nennen, was allen Zahnarztpraxen unter den Nägeln brennt, nämlich die Validierung der an der Hygienekette teilnehmenden Geräte, die sich selbst überprüfen, an deren Wegfall u.a. gearbeitet wird.
Es gibt auch nachhaltige Erfolgsmodelle, die in Hessen ihren Ursprung fanden. Das Z-QMS ist in vielen Bundesländern etabliert und es gibt Nachfragen dazu aus dem europäischen Umland, diese Sammlung an wichtigen Unter- und Vorlagen für den täglichen Gebrauch in der Praxis zu implementieren.
Der erste Programmpunkt wurde alsdann verschoben, da bekannt wurde, dass unsere diesjährige Preisträgerin gerade ganz aktuell Mutter geworden ist und dadurch den Promotionspreis nicht persönlich in Empfang nehmen kann. Prof. Dr. mult. Sader gratulierte zum Nachwuchs, teilte aber sogleich mit, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist und wenn es die Dinge zulassen, der Preis dann in ähnlichem Rahmen zu unserer kommenden Frühjahrstagung verliehen wird.
Im Anschluss daran betonte Prof. Dr. mult. Sader nochmals aus der Historie des Vereins, dass wir uns als einziger Verein, dem Werben der DGZMK widersetzten und nicht unter dasselbe Dach gegangen sind wie die anderen zahnärztlichen Vereine, sondern eigenständig geblieben. Somit stellen wir den ältesten zahnärztlichen Verein dar, den es noch gibt. Dass „Miteinander“ in Zeiten der sozialen Medien eher weniger wird, ist ein Anachronismus. Durch neu ins Leben gerufene Preise wie der Preis für soziales Engagement, der zusammen mit der Zahnärztlichen Gesellschaft in Hessen unter den Studierenden des Carolinums verliehen wird, soll darauf hingewiesen werden, dass wir alle miteinander den Berufsstand stärken können und nicht der oder die Einzelne. Es sei an dieser Stelle nochmals erwähnt, dass die Studierenden die jeweiligen Preisträger/-innen selbst wählen.
Aus dem Hochschulbericht wurde eine Bestätigung der Befürchtungen. Durch die Einführung der neuen Approbationsordnung wird die Qualität der Ausbildung eher schlechter, da nicht zuletzt aus 21 Wochenstunden Arbeit am Patienten nur noch 7 Wochenstunden geblieben sind. Umgekehrt wird aber der medizinische Aspekt immer wichtiger. Es kommt hinzu, dass durch den Wechsel an der Spitze einiger Abteilungen im Carolinum, sei es durch Ruhestand oder Ruf an eine andere Universität, es zu Neubesetzungen kommen wird, was sich offenbar im neuen Jahr 2026 auswirken wird. Aktuell sind die Gründungen von privaten Universitäten geplant, um den Landarztmangel zu bekämpfen. Diese haben allerdings keine finanziellen Mittel für Forschung, sodass sie sich anderen bestehenden Universitäten anschließen müssten oder nur reine Lehre bieten.

Erster Vortrag des wissenschaftlichen Teils der Herbsttagung war der Vortrag von Prof. Dr. Heike Korbmacher-Steiner mit dem Thema Kieferorthopädie im 21. Jahrhundert. Sie spannte den Bogen ihrer Anfänge in der Marburger Klinik im Jahre 2010 bis heute, wo sie die kieferorthopädische Abteilung weiter aufbaute unter dem Motto „Demut mit der Natur“. Wenn Lächeln als schönstes Nebenprodukt gelten soll, dann ist die Umformung der Zahnstellung und die Arbeit an Form- und Funktionsbeziehungen der beiden Kiefer, um Dysgnathien zu therapieren der Ausdruck der Demut. Der Misserfolg hat viele Väter und Gründe gibt es manchmal genug und finden sich nach wie vor in mangelnder Compliance oder Kompensationsmechanismen oder schlechte Planung sowie ungeeigneten Apparaturen. In Marburg etablierte sich neben der interdisziplinären Mundsprechstunde zu Atem- und Schluck- sowie Sprechstörungen in Kooperation mit physiotherapeutischer Begleitung auch seit 2021 das Somnologikum. Am Schluckakt, der nicht nur zur Aufnahme und Transport von Nahrung dient und auch an der Verhinderung der Aspiration, sind 26 Muskelgruppen und 5 Hirnnerven beteiligt. Somit liegt hier ein interaktives Funktionslogensystem vor, mit einem der häufigsten Bewegungsvorgänge im Körper mit ca. 2000 Schluckakten pro Tag. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass sich pathologische Schluckmuster auf die Zähne und das stomatognathe System auswirken, so ist es auch in umgekehrter Richtung vorstellbar, dass sich nach erfolgter KFO-Therapie die Schluckmuster ändern können. Kinder mit solchen Mustern weisen oft auch eine OSA auch. Es wurde ein spezieller Fragebogen für Kinder entwickelt, um festzustellen, ob Kinder betroffen sind.

Hierzu konnte Dr. Janine Sambale mit ihrem Vortrag anschließen. Die OSA zeigt eine Prävalenz von ca. 30% Männeranteil vs. 13% Anteil von Frauen. Im Somnologikum, welches sich auszeichnet durch ein interdisziplinäres Netzwerk von Hausärzten, HNO-Ärzten, Pneumologen, Schlafmediziner, Kardiologen, Psychologen, Psychiater, Schmerzmediziner, Neurologen und Pädiater, findet eine umfangreiche/s Diagnostik/Screening statt. Gibt es eine Indikation für eine Unterkiefer-Protrusionsschiene nach Evaluation aller relevanten Befunde, dann werden die notwendigen Schritte eingeleitet. Bei Kindern bedeutet dies in der Tat auch kieferorthopädische Vorbehandlung, was sich unter anderem durchaus in einer Gaumennahterweiterung widerspiegeln kann oder in der Möglichkeit der Anwendung funktionskieferorthopädischer Apparaturen, sowie myofunktionelles Training.

Dr. Teresa Temming stellte hieran aktuelle Aspekte zur Überwachung von Zahn- und Kieferentwicklung vor als präventionsorentierte kieferorthopädische Maßnahme vor. Hauptsächlich ging es hierbei um Milchzahnankylosen und deren Auswirkungen im Hinblick auf Wachstumshemmung. Häufig betroffen sind die ersten Milch-Molaren im Unterkiefer, wobei das Auftreten infrapositionierter Zähne (einseitig oder paarweise) unklar ist. Vorhandene Wurzelresorptionen sind altersabhängig bei möglicher Assoziation einer posterioren Rotation der Mandibula. Es folgten viele Folien mit Daten zu Messungen vergleichender Positionen der fraglichen Zähne mit dem Fazit, dass eine ausgeprägte vertikale Wachstumshemmung eher selten auftritt, es aber signifikante Zusammenhänge zwischen Infraposition und Gingiva- bzw. Alveolarkammverlauf gibt, der Gingivaverlauf sogar als möglicher Indikator Frühindikator für schwere Fälle gilt. Weitere assoziierte Anomalien können Nichtanlagen von permanenten Zähnen sein, Mikrodontie z.B. Diminuitivform der oberen 2er, Verlagerungen und verzögerter Zahndurchbruch bei Spätentwicklern.

Der schließende Vortrag mit dem Thema De- und Remineralisierung in der KFO wurde von Prof. Dr. Anahita Jablonski-Momeni vorgestellt. Die bekannten Nebenwirkungen festsitzender und auch herausnehmbarer Apparaturen sind Karies, Gingivitis und Parodontopathien die durch erschwerte Mundhygiene und nicht selten durch Plaqueretention an KFO-Geräten bedingt sind und klinisch bereits nach ca. 4 Wochen unter KFO-Therapie auftreten können. Oftmals kehren die Plaque- und Gingiva-Indizes zu den Ausgangswerten nach Entfernung der Apparaturen zurück. Der Diagnostik und Aufklärung kommt somit eine herausragende Bedeutung zu. Neben Auge, Sonde und Indizes kommen radiologische Untersuchungen oder fluoreszenzbasierte Methoden mit Intraoralscannern (NIRI) in Frage aber auch neue Methoden zur Früherkennung mithilfe eines neuartigen Blue-Checks. Der eine dunkelblaue Färbung erzeugende Azofarbstoff Amidoschwarz bindet über bovines Hämoglobin an Hydroxylapatit und wird in geschwächte/poröse Oberflächen eingelagert und somit sichtbar gemacht. Das sich anschließende Management von initialen Demineralisationen ergibt sich mithilfe von non- oder mikroinvasiven Methoden. Bekannte Vertreter aus diesen Gruppen sind Fluoride, CPP-ACP Produkte, bioaktives Glas, Hydroxylapatit, Tricalciumphosphate, ICON und Self-assembling Peptide (P11-4). Die Peptid-Gruppe ist nach 18-monatiger Anwendung und Beobachtung dazu in der Lage, deutlich geringere Demineralisation zuzulassen und die Volumina der Läsionen nehmen über den Zeitverlauf der nebenwirkungsfreien Anwendung ab.
Wie immer konnte im Anschluss an die spannenden Vorträge beim hessischen Buffet der Vormittag ausgiebig besprochen werden und das kollegiale dabei kam auch definitiv nicht zu kurz.

Von Dr. Thomas Staudt