Fortbildung

Frühjahrsfortbildung 2019

Fortbildung >> Rückblick

Mit dem Thema Totaler Zahnersatz vs. Totalem Zahnerhalt lockte der zahnärztliche Verein zu Frankfurt am Main von 1863 wieder zahlreiche Besucher trotz noch laufender Skisaison und trotz des gerade heute, am Aschermittwoch, in den kurzfristigen Ruhestand verabschiedeten Karnevals in den großen Hörsaal des Carolinums in Frankfurt. Der Vereinspräsident Prof. Dr. mult Robert Sader begrüßte das Auditorium sehr herzlich und nahm Bezug auf die tragischen „Wasserspiele“ im Keller des Carolinums.

Es liefen vor Kurzem über 1 Million Liter Wasser im Keller des Carolinums aus einem defekten Filter aus, was die Belüftungsanlage ausser Kraft gesetzt hat. Deshalb müssen im Sommersemester die großen Vorlesungen der Chirurgie und der ZMK-Heilkunde in den Anatomiehörsaal ausgelagert werden, gleichermaßen führt das zu empfindlichen Kosten in Höhe von € 1,5 Millionen!!!! Daher musste wegen einer ausreichenden Belüftung zur Sicherheit der Vortrag im Hörsaal heute bei offener Tür stattfinden. Der Hinweis auf den Tag der offenen Tür der Landeszahnärztekammer Hessen am 14.09.2019 mit der gemeinsamen Veranstaltung der Herbsttagung des zahnärztlichen Vereins durfte hier nicht fehlen, wenngleich die offenen Türen jeweils einen anderen Hintergrund finden. Prof. Dr. mult. Sader kündigte an, dass die erfolgreiche Reihe „Eine Abteilung stellt sich vor“ von der Parodontologie weitergeführt wird und als Gast Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf zur Veranstaltung zugesagt hat und kommen wird. Außerdem wird traditionell der Preisträger des Friedrich-Kreter-Promotionspreises gekürt. Und als Ausblick auf die kommende Frühjahrstagung dürfen mit Spannung Prof. Dr. Georg Meyer aus Greifswald und Dr. Dieter Reusch aus Westerburg erwartet werden, Hauptthema wird, wie man bei den Referentennamen schon vermuten kann, die Funktion sein.

 

PD Dr. Katrin Nickles          Prof. Dr. Frank Schwarz           Prof. Dr. mult. Robert Sader

Prof. Dr. Frank Schwarz aus der Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie und Implantologie des Carolinums in Frankfurt startete in die Tagung mit dem Thema „Totaler Zahnersatz“ und stellte sogleich am Anfang fest, dass er die vollständige Extraktion aller restlichen Zähne und Ersatz derselben mit einer ausreichenden Anzahl von Implantaten zwiespältig betrachtet. Es folgten einige drastische Falldarstellungen mit Überversorgungen von Lücken und Periimplantitiden, begleitet von der offiziellen Stellungnahme der Konsensuskonferenz Implantologie für die empfohlene Zahl von Implantaten im zahnlosen Kiefer. Die Frage nach der festsitzenden oder herausnehmbaren Versorgung steht zu Beginn einer jeglichen Planung. Hierbei muss zwischen der Versorgung des Oberkiefers und Unterkiefers unterschieden werden. Reichen im Unterkiefer 2-4 Implantate für eine herausnehmbare Versorgung aus, so sind es im Oberkiefer eher 4-6 Implantate. Für eine festsitzende Prothetik sollte die Anzahl erhöht werden. Im Unterkiefer sind spezielle festsitzende Techniken wie All-On-4 möglich, aber mit einer erhöhten Odd Ratio von 2,2-19 für ein Periimplantitis-Risiko verbunden. Daher empfiehlt sich, eher auf eine Zahl von 6 Implantaten zu gehen. Im Oberkiefer ist eine Zahl von 6 Implantaten zur festen Versorgung als absolutes Minimum zu verstehen, besser man erhöht die Zahl auf 8 Implantate.

Es gibt anatomische Risiken für die Implantatinsertion. Im Oberkiefer ist die posteriore Region risikoreich aufgrund des Sinus maxillaris, wobei Techniken wie interner oder externer Sinus-Lift angewendet werden oder Zygoma-Implantate zur Anwendung kommen, die aber vom technischen Procedere her gesehen sehr anspruchsvoll sind. Oder man weicht auf kurze Implantate mit guter Evidenz aus. Im Unterkiefer spielt speziell im anterioren Bereich der Loop des N. alveolaris inferior und N. mentalis eine große Rolle (Ausdehnung 0,4-6mm!) und die zu beobachtende Besonderheit des incisiven Kanals mit seiner schwachen Kortikalisierung und mit seinem neurovaskulären Inhalt. Es imponieren dort auch Anastomosen der Arteria lingualis.

Im Allgemeinen darf mittlerweile postuliert werden, dass z.B. Rauchen evtl. zu Unrecht als Haupt-Risiko für eine Periimplantitis anzusehen ist und dass die Entfernung aller parodontal erkrankten Zähne vor Implantation als „Risiko-Reduktion“ nicht in der Lage ist, die Haltbarkeit von Implantaten zu verlängern. Es ist vielleicht sogar besser, wenn noch Restzähne vorhanden sind.

Eine perfekte Überleitung zu PD Dr. Katrin Nickles, die zum Thema „Totaler Zahnerhalt“ referierte. Das Gebiet der Parodontologie ist ein Schnittstellengebiet in dem alle zahnmedizinischen Disziplinen in einander greifen. Eine Untermauerung des Schnittstellengebiets fand statt, mithilfe von Fall-Präsentationen. Hier wurden teils langjährige Patientenkarrieren vorgestellt. Z.B. eine Patientin mit schlechter Mundhygiene unter laufender KFO-Therapie und eher nicht gut gelungenem Ergebnis, die nach ihrer Studienzeit und nach Hochzeit den Wunsch hegte, nochmal neu zu starten. Hier wurden die Taschenmesstiefen nach Lebensabschnitten der Patientin langjährig verglichen und anhand dieser Werte die jeweiligen Therapieansätze beleuchtet
Dr. Katrin Nickles  

Eindrucksvoll, wie die Zähne über einen langen Zeitraum trotz tiefer Taschen erhalten bleiben konnten. Oder ein Fall einer Abiturientin mit Verschlimmerung der Parodontitis während des Abiturs, wobei sich nach der stressigen Phase unter PA-Therapie alles wieder zum Guten wandte. Es wurde des weiteren  auch ein Fall vorgestellt, der etwas knifflig war. Das Vorgehen bei einem schmerzhaften Zahn, der im Röntgenbild eine LEO aufweist, aber vital ist. Von Jan Lindhe wurde ein Slide gezeigt, dass sich eine primär parodontale Läsion in der Einzelaufnahme als endodontisches Problem „maskieren“ bzw. darstellen kann. So sollte man stets auch eine Beurteilung der Tasche vornehmen, um die richtige Therapie einleiten zu können. Begleitend wurden die neuen Klassifikationen kurz dargestellt, die in der Parodontologie Einzug fanden und die verschiedenen Therapie-Ansätze, auch regenerative Verfahren. Der „van-Winkelhoff-Cocktail“ ist nach Keimanalyse immer noch angezeigt. Es wird bei bestehender Penicillin-Allergie empfohlen, nur Metronidazol zu verordnen.

Im Anschluss hieran ergab sich eine intensive Diskussion über Antibiotika, Leitlinien und Resistenz-Entwicklungen, woraus man entnehmen darf, dass es einen Rückgang in der Verordnungsmenge der Antibiotika gibt. Allerdings konnte auch Prof. Dr. mult Sader aus seiner MKG-Abteilung beitragen, dass die Multiresistenzen ansteigend sind, und er stellte dar, dass es einen sogenannten VRE (Vancomycin-Resistente-Enterokokken)-Gürtel gibt, eventuell bedingt durch verschiedene Verschreibungsgewohnheiten, laut RKI gibt es eine massiv erhöhte Resistenzbildung im Mitteldeutschen Gebiet. Problematisch seien natürlich auch freiverkäufliche Antibiotika im asiatischen Bereich, hpts. in China.

Interessant war die Abstimmung „Wie würden Sie entscheiden?“ über ein Mentimeter Voting, bei dem alle willigen und Smartphone-angebundenen Teilnehmer über die jeweiligen verschiedenen Therapiealternativen nach Falldarstellung von PD Dr. Nickles abstimmen durften. Die Ergebnisse, wie der entsprechende Fall letztlich gelöst worden ist, wurden kurz danach präsentiert.

Im Anschluss an die Vorträge zeigte sich allerdings wenig Resistenzbildung in Bezug auf das hessische Buffet, welches in traditioneller Art und Weise dazu führte, sich nosokomial mit angereichertem Wissen zu infizieren oder sonstige Dinge abseits des Arbeitslebens auszutauschen.

 

 

 

 

Diese Veranstaltung wurde ermöglicht durch:

 

Zuletzt geändert am: 23.03.2019 um 12:51

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